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Regeln für den fruchtbaren Dialog
Nach welchen Regeln muss in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der Dialog geführt werden, wenn er Ergebnisse bringen soll? Mit dieser Frage befasste sich das Symposium der Novartis Stiftung für nachhaltige Entwicklung Anfang Dezember.

Klaus M. Leisinger,
Präsident der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung
"Alle reden davon, wie wichtig Dialoge mit der ‹zivilen Gesellschaft› sind. Das, was man theoretisch als ‹ideale Gesprächssituation› anstrebt, unterscheidet sich jedoch erheblich von dem, was insbesondere Verantwortungsträger aus Unternehmen bei ihren konkreten Gesprächen antreffen", stellt Klaus M. Leisinger, Präsident der Stiftung, fest. Deshalb entschied sich die Novartis Stiftung für nachhaltige Entwicklung, das jährlich stattfindende internationale Symposium dieses Jahr der Frage zu widmen, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit Dialoge erfolgreich sein können - erfolgreich im Sinne, dass durch Dialog bessere Lösungen zustande kommen, weil Anspruchsgruppen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch strategische Allianzen gemeinsam zu innovativen Ergebnissen kommen.
Tabus brechen
Leisinger hofft, dass die Teilnehmenden von den vielfältigen Erfahrungen der verschiedenen Referenten profitieren und darauf basierend ihr eigenes Dialogverhalten im Sinne der "lessons learned" überprüfen. Entsprechend breit ist die Palette der Persönlichkeiten, die nach Basel eingeladen wurden. So etwa der ehemalige deutsche Politiker Egon Bahr, der als Architekt der Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt gilt. Bahr regte nach dem Bau der Mauer, die Berlin 1961 teilte, den Dialog mit den Regierungen der kommunistisch regierten osteuropäischen Staaten an, um die Spannungen des Kalten Krieges abzubauen. Damit plädierte Bahr für einen Tabubruch, indem er verlangte, auch mit Menschen zu sprechen, mit denen zu sprechen damals als nicht politisch korrekt galt. Einen ganz anderen Dialog versucht die türkischstämmige deutsche Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek zu führen. Sie kämpft in Deutschland gegen die Unterdrückung islamischer Frauen. Die Duldung einer nichtemanzipatorischen Erziehung in traditionalistischen islamischen Familien lehnt sie als "falsch verstandene Toleranz" ab. Wie Bahr postuliert jedoch auch Kelek einen Tabubruch. Das Thema der Zwangsheiraten beispielsweise würde totgeschwiegen, weil darüber reden als fremdenfeindlich gelte. Kelek fordert den Dialog über kulturelle Tabus, weil sie sich erhofft, dass man eine Reflexion in Gang setzen könne, wenn man jemanden dazu zwinge, seine ideologische Position zu begründen.
Die Basis miteinbeziehen
Seine eigenen Erfahrungen präsentierte Klaus M. Leisinger den Teilnehmenden am Symposium ebenfalls. Nach seiner Beobachtung gehört das "Gespräch mit der Gesellschaft" zu den guten Managementpraktiken - aber nicht alle Gespräche mit allen Anspruchsstellern über alle Themen. Wichtig sei es auch, sich vorab über die Ziele und den Inhalt des Dialogs zu einigen sowie "Spielregeln" festzulegen, so etwa Anfang, Ende, Unterbrechung, Bedingungen der Weiterführung oder des Abbruchs. Gut vorbereitete und professionell durchgeführte Dialoge können zu sehr positiven Lernerfahrungen führen. "Allerdings ist es eminent wichtig, dass die Vertreter der beteiligten Dialogpartner die Entscheidungsträger in ihren Institutionen am Lernprozess teilhaben lassen - wo Lernprozesse entkoppelt stattfinden, wird das erzielte Ergebnis nicht mitgetragen", unterstreicht er.
Diskussion vom Sitzungstisch lösen
Im Vorfeld der Diskussionen die gemeinsamen Ziele festzulegen, ist auch für François Meienberg eine zentrale Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog. Der Vertreter der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern wurde an das Symposium eingeladen, um über die Grenzen des Dialogs zu referieren. Diese sieht er dort, wo versucht werde, Nichtregierungsorganisationen (NGO) durch Dialoge zu instrumentalisieren. Ebenso könne ein endloser Dialog konkrete Massnahmen hinauszögern. Er stellt immer wieder Bestrebungen fest, NGO zu splitten, indem man die einen an den Verhandlungstisch einlade und die anderen als unseriös darstelle. Positiv verläuft der Dialog gemäss Meienberg hingegen, wenn man die Rolle und die Interessen des jeweiligen Gesprächspartners respektiere und wenn offen über den Verlauf der Gespräche kommuniziert werde. "Die besten Gespräche finden statt, wenn es gelingt, sich vom Sitzungstisch zu lösen", stellt er fest. Im informellen Rahmen, zum Beispiel auf einer Wanderung, könne man sich viel besser auf den Dialogpartner einlassen. "Allerdings braucht es dafür auf beiden Seiten viel Selbstsicherheit."
Den Gesprächspartner respektieren
Damit ein Dialog Bewegung auslösen kann, ist es aus Sicht der Psychologin und Psychotherapeutin Julia Onken unabdingbar, dass sich die Gesprächspartner ehrlich und wahrhaftig begegnen. "Der Dialog im sokratischen Sinn ist die Sorge um die Seele des Gegenübers. Im Dialog mit dem anderen begegnet man sich selber. Man lernt die Wahrheit des anderen und auch die eigene kennen", erklärt sie. Wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung sei auch für Dialogteilnehmer der gegenseitige Respekt die Prämisse für eine fruchtbare Entwicklung. Wer Empathie, Akzeptanz und Wertschätzung sowie Kongruenz mitbringe, erfülle die Voraussetzungen für erfolgreiche Gespräche.
Im Dialog ethische Grenzen definieren
Den Dialog als wichtiges Instrument, um fundamentale gesellschaftliche Debatten zu führen, sieht Hans-Peter Schreiber. Der Leiter der Fachstelle für Ethik und Technologiefolgenabschätzung an der ETH Zürich glaubt, dass eine grundlegende Ethikdiskussion über die Grenzen des menschlichen Umgangs mit der Natur dringend nötig wäre, um der wissenschaftlichen Forschung gesellschaftlich akzeptierte Leitplanken vorgeben zu können. Derzeit werde stattdessen immer nur über die Risiken der Forschung diskutiert, obwohl man diese heute sehr gut im Griff habe.
Der Mensch muss Grenzen setzen
"Die Scheindiskussion über die Risiken überdeckt das eigentliche Problem: dass nämlich der Mensch nie überwunden habe, dass die Natur seit Darwin ihren Status der Unveränderbarkeit und damit der Göttlichkeit verloren habe", erklärt Schreiber. "Da der Mensch sich nun nicht mehr als Geschenk der Natur, sondern als Produkt seiner selbst behandeln muss, müsste er auch für sein Handeln Verantwortung übernehmen und der Wissenschaft aufzeigen, welche ethischen Grenzen sie einzuhalten habe", fordert er. Die Schweiz habe dies vorbildlich vorgelebt, als sie in den 90er-Jahren in mehreren Volksabstimmungen darüber entschieden habe, welcher Spielraum der naturwissenschaftlichen Forschung eingeräumt werden soll. Die Stimmberechtigten hätten bewiesen, dass der direktdemokratische Dialog über ethische Themen geeignet sei, um gesellschaftlich akzeptierte ethische Normen hervorzubringen. STD
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Symposium der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung.
Soziale Verantwortung

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